Dieser Fotograf denkt anders: Patrick Zachmann
Patrick Zackmann ist keiner der großen, weltbekannten Fotografen. Als Mitglied der Fotogruppe Magnum und Gewinner vieler Ausstellungen und Preise ist er unbestritten ein großartiges Talent. Dabei denkt er jedoch völlig anders als viele andere Fotografen.
Keine Angst vor radikalen Sprünge in der Fotografie
Patrick Zachmann ist kein typischer Fotograf, der mal kurz für ein schönes Motiv vorbeikommt. Wenn ihn ein Thema packt, kann er sich für lange Zeit darin festbeißen. Manchmal sogar für 30 Jahre.
Das Verrückte ist nämlich: Patrick wusste lange Zeit fast nichts über seine eigene Familie. Seine Eltern waren jüdische Einwanderer in Frankreich, aber sie schwiegen über die Vergangenheit. Seine Großeltern wurden im Holocaust ermordet, doch zu Hause gab es darüber keine Geschichten, keine Erinnerungen. Das Thema wurde totgeschwiegen.
Statt darüber zu verzweifeln, nutzte er seine Kamera als Werkzeug. Er begann, jüdische Gemeinden auf der ganzen Welt zu fotografieren. Er wollte wissen: Wer bin ich eigentlich? Wo gehöre ich hin? Er suchte in fremden Gesichtern nach Antworten auf seine eigenen Fragen.
Dann kam der erste große Sprung: Er ging nach China.
Vielleicht denkst du jetzt: „Was hat China mit einem jüdischen Fotografen aus Frankreich zu tun?“ Auf den ersten Blick gar nichts. Patrick reiste 1982 das erste Mal dorthin, weil er die alten Filme aus Shanghai toll fand.
Aber er blieb hängen. Über 30 Jahre lang kehrte er immer wieder zurück. Er sah, wie die jungen Leute in China ihre Identität verloren, weil sich das Land so rasend schnell veränderte. Überall wurden alte Häuser abgerissen und glitzernde Hochhäuser hochgezogen.
Er bemerkte etwas Erstaunliches: Die chinesischen Familien schwiegen oft genauso über ihre Gefühle und ihre Vergangenheit wie seine eigene Familie. Dieses „Ungesagte“, diese Suche nach einem Platz in der Welt – das war der rote Faden, der alles verband.
Ob in der Mafia-Hochburg Neapel, bei Einwanderern in Marseille oder auf dem Tiananmen-Platz in Peking während der Studentenproteste: Patrick war immer dort, wo es um Identität ging.
2019 dann auch direkt vor seiner Haustür in Paris: Die berühmte Kathedrale Notre-Dame brannte. Patrick war zufällig direkt vor Ort. Er sah, wie die Flammen aus dem Dach schlugen und die Menschen weinend auf den Knien lagen.
In diesem Moment hätte er einfach nur Katastrophen-Fotos machen können. Aber er entschied sich für einen anderen Weg.
Er begleitet seitdem den Wiederaufbau. Aber er fotografiert nicht nur Steine und Gerüste. Er fotografiert die Menschen – die Zimmerleute, die Architekten, die Restauratoren.
Für ihn ist der Wiederaufbau von Notre-Dame wie ein Symbol für uns Menschen: Etwas wird zerstört, es gibt eine riesige Wunde, aber dann kommen Menschen zusammen und heilen sie. Es ist die Suche nach Hoffnung in den Trümmern.
Aus der Distanz betrachtet wirken seine Fotoprojekte wie große thematische Sprünge, aber wenn man genauer hinsieht, kann man überall einen gewissen roten Faden entdecken.
Kein Ego zu den eigenen Fotos
In der Welt der Fotografie gibt es echte „Superstars“, die unglaublich stolz auf ihre Bilder sind. Henri Cartier-Bresson zum Beispiel. Heute noch ein Vorbild und Inspiration für die Stars der modernen Epoche. Bresson hat aber auch den “entscheidenen Moment” geprägt, also Sachen gesagt wie: „Ich habe genau im perfekten Moment abgedrückt!“
Zweifelsfrei haben diese Fotografen ein extrem gutes Verständnis zur Fotografie und der Erfolg gibt ihnen Recht. Gleichzeitig hörst du aber auch immer eine Menge Ego mit in den Aussagen, einen Stolz auf die eigene Arbeit.
Patrick ist anders. Wenn man ihm zuhört, merkt man schnell: Er ist kein Typ, der sich für den Größten hält, nur weil er ein „schönes“ Foto gemacht hat.
Er sagt sogar offen heraus, schöne Bilder allein langweilen ihn ein bisschen. Er sucht nicht nach diesem einen magischen, perfekten Klick, für den ihn alle bewundern sollen. Ihm geht es um etwas viel Wichtigeres: Er will Geschichten erzählen, die Sinn ergeben.
Dabei ist es ihm völlig egal, ob ein Foto mal technisch nicht perfekt ist. Wenn die Emotion stimmt, darf es ruhig ein bisschen unscharf oder „falsch“ belichtet sein.
Er sieht sich irgendwo zwischen einem Reporter, der Nachrichten überbringt, und einem Künstler, der Stimmungen einfängt.
Er muss sich oft entscheiden: Gehe ich nach links zur Kunst oder nach rechts zum Journalismus? Meistens landet er irgendwo dazwischen, weil er einfach nur den Menschen und ihre Identität nahekommen will.
Er selbst hat in einem Interview auch gesagt, das Langzeitprojekte nicht nur eine Situation, sondern auch die eigene Entwicklung als Fotograf dokumentieren. So auch seine Arbeit aus China:
Zuerst war alles schwarz-weiß und die Leute dort hatten noch nie einen Europäer gesehen. Sie haben ihn angefasst, weil er für sie so fremd war.
Später, als China plötzlich voller bunter Lichter und Bars war, hat er angefangen, in Farbe zu fotografieren. Aber nicht, um zu zeigen: „Schaut mal, wie toll ich das kann“, sondern um zu zeigen, wie sich das Leben der Menschen dort verändert hat.
Er nennt sich selbst einen „Außenseiter“. Er steht am Rand und beobachtet, fast wie ein Geist, der versucht, die Welt der anderen zu verstehen. Er will nicht, dass man das Foto bewundert, sondern dass man versteht, wie sich die Person auf dem Bild fühlt.
Für ihn ist es schon schwer genug diesen Punkt zu erreichen. Er sagt selbst, das viele seiner Foto einzeln betrachtet kaum etwas her machen. Das sie eher “Standard” sind, als herausragend. Aber das er es auch schafft, über ein gesamtes Fotoset und Projekt hinweg genau die Stimmung und Geschichte einzufangen, die er wahrnimmt und erzählen will.
Etwas zurückgeben
Hast du schon mal darüber nachgedacht, was ein Fotograf eigentlich macht? Klar, er drückt auf einen Knopf und „nimmt“ ein Bild auf.
Aber wenn du mal genau hinhörst, steckt in dem Wort schon das Problem: Man nimmt etwas von den Menschen. Man nimmt ihre Zeit, ihr Gesicht, ihren Moment.
Patrick Zachmann ist irgendwann genau das klar geworden und er hat sich schlecht dabei gefühlt. Er wollte kein Dieb von Momenten sein, sondern jemand, der etwas zurückgibt.
Ich selbst habe an diesem Punkt viel zu engstirnig gedacht als ich das gehört habe. „Etwas zurückgeben“ bedeutet, dass man den Leuten Geld bezahlt hab ich mir gedacht.
Patrick Zachmann hat aber auch eine andere Sicht darauf. Er meinte er kennt aus erster Hand die Situation, wenn einen die Welt vergessen hat und man nichts über seine Vergangenheit in Erfahrung bringen kann.
Vielleicht ist dein Viertel gefährlich oder du bist aus deiner Heimat geflohen. Die meisten Leute schauen weg. Dann kommt irgendwann jemand mit einer Kamera vorbei, verbringt Tage mit dir, hört dir zu und nimmt dich ernst.
Patrick sagt, dass allein das Zuhören ein riesiges Geschenk ist. Viele Menschen, die er fotografiert – ob in der kriminellen Unterwelt von Neapel oder in Flüchtlingslagern –, fühlen sich unsichtbar. Indem er Zeit mit ihnen verbringt, sagt er ihnen: „Du bist wichtig. Deine Geschichte zählt.“
Aber er lässt es nicht beim Reden bewenden. Er bringt oft kleine Fotoabzüge mit, unterschreibt sie und schenkt sie den Leuten. Jahre später kehrt er an diese Orte zurück und sieht seine Fotos an schmutzigen Wänden hängen oder in alten Familienalben kleben. Das ist für ihn der absolute Jackpot. Warum? Weil Patrick selbst als Kind keine Familienfotos hatte.
Seine Eltern waren jüdische Einwanderer und haben aus Schmerz fast alle Erinnerungen vernichtet. Es gab kein Album, keine Bilder von den Großeltern, nichts. Patrick ist eigentlich nur Fotograf geworden, um die Lücken in seiner eigenen Geschichte zu füllen. Er baut sich quasi ein riesiges, weltweites Familienalbum, das er vorher nie hatte. Seine Kamera ist wie eine Zeitmaschine, die Erinnerungen rettet, bevor sie für immer verschwinden.
Er hat in Neapel krasse Sachen erlebt – Mafia-Kriege, Schießereien, weinende Mütter. Manchmal war der Schmerz der Leute so groß, dass er die Kamera einfach unten gelassen hat.
Er hat ein ethisches Gesetz für sich selbst aufgestellt: „Drück nur ab, wenn es wirklich wichtig ist und den Schmerz nicht noch schlimmer macht.“ Er will die Menschen nicht ausstellen wie im Zoo, sondern ein Denkmal für sie bauen.
Am Ende geht es bei Patrick Zachmann immer um dasselbe: Was passiert, wenn die Erinnerung fehlt? Wie finden wir heraus, wer wir sind? Das war auch der Auslöser für sein Projekt zum Notre Dame. Seine Fotos sind wie Puzzleteile für eine Identität, die sonst verloren gehen würde. Er will den Menschen aber etwas hinterlassen, indem er sie dokumentiert und ihre Existenz beweist.
Das ist seine Methode, etwas zurückzugeben, wenn er das Foto aufnimmt.