Das Problem von Fotografie Tipps auf Youtube

 

Fotografie Tipps auf Youtube haben ein fundamentales Problem: Sie sind sehr individuell. Dabei richten sie sich an eine große Masse an Fotografen, aber jeder hat eine andere Ausgangslage und für jeden sind die Tipps daher mehr oder auch weniger zutreffend.

Dazu kannst du in einem relativ kurzen Video auch nie jeden Winkel vollständig beleuchten.

 

Ein eigenes Beispiel

Ich habe zum Beispiel mal ein Video hochgeladen, in dem ich erklärt habe, dass Schärfe total überbewertet ist. Ich meine das auch völlig ernst!

Ein Foto sollte eine Geschichte erzählen, es muss Gefühle auslösen. Oder zumindest sehr hübsch zum anschauen sein. An sich ist es völlig egal, ob man jede einzelne Wimper einer Person zählen kann, wenn das Bild sonst so langweilig ist wie eine eingeschlafene Socke.

Aber wenn ich dann ein neues Objektiv teste, rege mich im Video tierisch darüber auf, dass die Ecken ein bisschen unscharf sind oder der Fokus nicht wirklich passt. Merkst du was? Ich widerspreche mir quasi selbst.

Einerseits sage ich „Gefühl ist alles“, andererseits jage ich der perfekten Technik hinterher. Das ist, als würde man sagen, dass es beim Kochen nur auf die Liebe ankommt, aber dann den Topf wegschmeißen, weil er einen winzigen Kratzer hat.

Oder nimm meinen Lieblings-Tipp: „Lass einfach alles weg, was stört!“ Fotografie ist oft die Kunst des Weglassens. Such dir ein Motiv und wirf alles andere aus dem Bild raus. Klingt logisch, oder? Ein sauberer, minimalistischer Look wie bei den Profis Fan Ho oder Mark Fearnly.

Aber dann schaue ich mir Legenden wie Alex Webb oder Joel Meyerowitz an. Diese Bilder sind so vollgestopft mit Menschen, Farben und Action, dass man sie wirklich auf sich wirken lassen muss, um alles zu entdecken. Und trotzdem sind es Meisterwerke.

Da stehe ich nun mit meinem Latein. Ist mein Tipp jetzt genial oder totaler Quatsch?

Die Wahrheit ist: Auf YouTube versuchen wir oft, die Welt in kleine, leicht verdauliche Häppchen zu schneiden.

Aber die Fotografie ist kein fertiges Rezept, das man einfach nachkocht. Sie ist eher wie eine Achterbahnfahrt der Gefühle, bei der man manchmal die Regeln brechen muss, um überhaupt oben anzukommen.

 

Wie relevant sind diese Tipps für dich?

Manchmal schaut man auch ein Video und am Ende fragt man sich, ob man jetzt überhaupt irgendwas gelernt hat. Ich kenn das selbst zu gut.

Es gibt aber auch eine Sache, die ich einfach vorraussetze und immer gedacht habe, das ist so logisch, so denkt bestimmt jeder. Aber je länger ich selbst Videos mache, desto eher zweifle ich an meiner eigenen Logik. Deshalb wollte ich mir die Zeit nehmen es ganz ausdrücklich zu erklären.

Ich stelle mir immer selbst die Frage “Wie relevant sind diese Tipps jetzt eigentlich für mich?”

Ich weiß nämlich, dass man als Youtuber nicht jedes Wenn & Aber mit in seinem Video erwähnen kann. Warum? Weil das Video sonst drei Stunden dauern würde!

Wenn ich bei jedem Tipp jedes „Vielleicht“ und jede Ausnahme erklären würde, würdest du nach fünf Minuten einschlafen. Also machen wir es „leicht verdaulich“ und simplifizieren viele Aspekte.

Das Problem ist nur: Es gibt auch Zuschauer die glauben dann, dass es nur diesen einen richtigen Weg gibt. Aber weißt du was? Das ist Quatsch. In der Fotografie gibt es kein Gesetzbuch.

Nehmen wir mal ein Beispiel: Ein Profi für Landschaftsfotos erklärt dir mit Engelsgeduld, dass du ohne ein massives Stativ eigentlich gar nicht erst das Haus verlassen musst.

Für ihn stimmt das! Er will ja, dass jeder Grashalm im Sonnenuntergang knackscharf ist. Aber wenn du mit deiner Kamera durch die Stadt flitzt und Street-Fotografie machst, wäre so ein Stativ für dich so nützlich wie ein Kühlschrank in der Arktis. Es würde dich nur bremsen und nerven.

Trotzdem schaue ich mir solche Leute gerne an. Warum? Weil sie vielleicht am Ende des Videos zeigen, wie sie in Lightroom eine ganz bestimmte Maske benutzen, um den Himmel zu bearbeiten. Das ist dann dieser eine Moment – die 5 % des Videos –, der für dich Gold wert ist. Die restlichen 95 % sind für dich eigentlich nur Unterhaltung oder nette Geschichten.

Es ist ein bisschen wie beim Kochen: Nur weil jemand sagt, dass in jedes Gericht Salz gehört, heißt das nicht, dass du dein Müsli versalzen musst. Du musst lernen, dir die Rosinen aus den Tipps herauszupicken.

Je länger du fotografierst, desto seltener werden diese „Aha!“-Momente sowieso. Wenn du gerade erst anfängst, ist das Belichtungsdreieck magisch. Wenn du seit fünf Jahren dabei bist, gähnst du nur noch müde, wenn das jemand erklärt.

Ich mache mir manchmal Sorgen, ob dir das klar ist. Ich möchte dir nicht die „einzig wahre Lösung“ verkaufen, denn die gibt es nicht.

Wenn dir jemand auf YouTube erzählt, dass es nur einen richtigen Weg gibt, dann hat die Person entweder keine Ahnung oder ein viel zu großes Ego.

Ich zeige dir nur, wie ich meine Probleme löse. Vielleicht hilft es dir, vielleicht auch nicht – und das ist völlig okay.

 

 
Timo Nausch