Bessere Fotografen haben nicht mehr Talent - Aber sie wissen DAS

 

Manchmal höre ich von anderen Leute das ich oder jemand anderes so viel Talent für die Fotografie haben. Solche Kommentare sind durchaus schmeichelhaft. Nachdem ich aber viele erfolgreiche Fotografen analysiert habe, kann ich dir auch sagen, dass Talent eigentlich nie eine Rolle spielt. Viel wichtiger sind andere Aspekte, die jedoch sehr oft nicht beachtet werden.

 

Talent ist der falsche Fokus

Kennst du das? Du scrollst durch Instagram, siehst dieses eine unfassbare Foto und denkst dir sofort: „Klar, der Typ hat einfach Mega-Talent. Das werde ich nie schaffen.“ Ich sage dir ganz ehrlich: Das ist die größte Lüge, die wir uns selbst erzählen.

Wenn wir sagen, jemand sei einfach „talentiert“ geboren, wischen wir all die harte Arbeit weg, die diese Person reingesteckt hat.

Es ist so, als würde man einem Sternekoch sagen: „Du hast aber Glück mit deinem Herd!“

Talent ist eher eine bequeme Ausrede für uns selbst. Wenn wir glauben, dass man dieses „Etwas“ entweder hat oder eben nicht, müssen wir uns nicht mehr anstrengen. Wir können uns gemütlich aufs Sofa setzen, weiter durch Feeds scrollen und uns einreden, dass wir ja sowieso keine Chance haben. Aber genau dieses Denken hält dich klein.

Glaub mir, die Profis, die heute die krassesten Bilder machen, standen früher genau da, wo du jetzt stehst. Sie haben in die Kamera geschaut, den Auslöser gedrückt und wahrscheinlich erst mal nur Schrott produziert.

Der einzige Unterschied zwischen ihnen und den Leuten, die aufgeben? Sie haben ihren Kopf ausgeschaltet, die Kamera geschnappt und einfach weitergemacht. Sie haben nicht gewartet, bis eine Fee vorbeikommt und sie mit Zauberstaub bestäubt.

Das gilt übrigens überall, nicht nur in der Fotografie. Es gibt weltberühmte Musiker, die am Anfang keinen Ton getroffen haben. Es gibt Sportler, die früher die Unsportlichsten in der Klasse waren, und Millionäre, die ihre ersten drei Firmen komplett gegen die Wand gefahren haben.

Wenn diese Leute sich aber alle nicht auf ein von Geburt mitgegebenes Talent verlassen konnten… Woran liegt der Erfolg dann?

 

“Talent” ist für jeden lernbar

Talent ist in der Fotografie nichts Mystisches. Es ist etwas, das wächst. Und zwar durch Zeit, Wiederholung und eine Menge Fehlversuche.

Wenn du dir anschaust, wie verschiedene Fotografen arbeiten, merkst du schnell etwas Interessantes: Es gibt nicht den einen richtigen Weg.

Der eine bearbeitet seine Bilder stark. Der andere kaum. Manche fotografieren nur in RAW und verbringen viel Zeit am Computer. Andere drücken ab und nutzen direkt das JPEG aus der Kamera. Einige lieben kräftige Farben. Andere machen alles weich und ruhig.

Und trotzdem entstehen überall großartige Fotos.

Das ist der Moment, in dem ein wichtiger Gedanke klick macht: Es gibt nicht die perfekte Methode. Kein geheimes Rezept. Keine Technik, die plötzlich alles löst.

Viele hoffen genau darauf. Auf den einen Trick. Das eine Preset. Die Kamera, die alles besser macht. Das ihnen jemand etwas erzählt, dass sie noch nicht kannten und dadurch auf einmal alles viel besser und einfacher wird.

Denn dann müsste man sich nicht eingestehen, dass die wichtigste Zutat etwas ganz anderes ist: Arbeit.

Es ist viel leichter zu sagen: „Mit meiner Kamera geht das nicht.“ Oder: „Der hat bestimmt irgendein geheimes Editing.“ Aber in den meisten Fällen stimmt das nicht. Der Unterschied ist viel simpler.

Gute Fotografen drücken öfter auf den Auslöser. Sehr viel öfter.

Was du auf Instagram siehst, sind meistens die besten zehn Bilder eines Trips. Vielleicht die besten zehn aus tausend Aufnahmen. Den Rest zeigt niemand. Die verwackelten Fotos. Die langweiligen Kompositionen. Die Momente, die einfach nicht funktioniert haben.

Die existieren trotzdem. Und zwar in riesigen Mengen.

Fast jeder erfolgreiche Fotograf sagt irgendwann denselben Satz: 99% meiner Fotos sind Müll.

Das klingt erstmal hart. Aber eigentlich steckt darin eine gute Nachricht. Denn wenn 99 % Müll sind, bedeutet das: Die guten Bilder entstehen mitten im Chaos.

Viele Ideen entstehen nicht am Schreibtisch. Sie passieren einfach. Du probierst etwas aus, das eigentlich komisch wirkt. Du hältst die Kamera anders. Du wartest länger auf einen Moment. Du bearbeitest ein Bild auf eine neue Weise. Und plötzlich funktioniert etwas.

Dann versuchst du, genau das nochmal zu machen. Und wieder. Und wieder. So entstehen mit der Zeit Stil, Erfahrung und Sicherheit.

Wenn wir dann jemanden beobachten, der dies schon seit Jahrzehnten so umsetzt, dann wirkt es wie Talent. Aber eigentlich ist es nur die Summe aus tausenden kleinen Experimenten.

Wenn du bessere Fotografen beobachtest, fällt noch etwas auf: Sie haben ihre Kamera ständig dabei. Sie nutzen jede Gelegenheit für ein Foto. Viele haben Themen oder Projekte, die sie wirklich interessieren. Dinge, auf die sie Lust haben. Das sorgt dafür, dass sie dranbleiben.

Und genau darin liegt der eigentliche Unterschied. Nicht im Talent, sondern in der Hartnäckigkeit. “Talentierte” Fotografen hören nie auf.

Selbst nach einer schlechten Fotosession gehen sie wieder los. Selbst wenn hundert Bilder nichts taugen, machen sie weiter. Irgendwann entsteht wieder ein Bild, das sich richtig anfühlt. Eins, bei dem wieder alles passt.

Wenn du also denkst, deine Fotos seien noch zu einfach, zu langweilig oder zu schlecht – willkommen im Club. So geht es jedem. Wirklich jedem.

Der einzige Unterschied zwischen dir und einem besseren Fotografen ist oft nur dieser eine Punkt: Er hat mehr Fotos gemacht, als du bisher. Und hat sich bei diesen Fotos in Situationen gebracht, die Neu für ihn waren.

 

Wie du dein Talent erhöhst

Talent wächst. Und zwar ziemlich zuverlässig, wenn du dein Leben ein kleines bisschen danach ausrichtest.

Viele Fotografen versuchen einfach „besser zu werden“. Das Problem ist nur: Das ist kein klares Ziel. Es ist ungefähr so konkret wie der Plan „irgendwann mal fitter werden“. Klingt gut. Passiert aber selten von allein.

Besser ist es konkrete Ziele zu haben. Viele sprechen dann davon das du eine Routine aufbauen musst und dann pasiert der Rest von alleine, aber aus Erfahrung kann ich dir sagen, Routinen kann ich genauso schnell aufhören wie ich sie anfange… Aber konkrete Ziele kann ich jederzeit überprüfen ob ich sie erreicht habe.

Zum Beispiel eine feste Fotosession jede Woche. Zum Beispiel für ein kleines Projekt, an dem du arbeitest. Wenn du regelmäßig fotografierst, sammeln sich Bilder ganz automatisch an.

Damit hast du ein langfristiges Ziel aber auch einen Punkt den du jederzeit konkret überprüfen kannst ob du ihn abhaken kannst. Über die Zeit wirst du immer mehr coole Bilder aufnehmen. Vielleicht sogar für ein kleines Fotobuch oder eine Ausstellung zu dem Thema.

Der Fortschritt kommt dann also fast nebenbei.

Viele gute Fotografen setzen sich ganz konkrete Aufgaben. Kleine Challenges, die sie aus ihrer Komfortzone holen.

Ich habe zum Beispiel eine Zeit lang nur in Schwarz-Weiß fotografiert. Nicht weil ich unbedingt ein Schwarz-Weiß-Fotograf werden wollte. Im Gegenteil. Ich sehe mich eigentlich eher als Farb-Fotograf. Aber genau deshalb war es interessant.

Schwarz-Weiß zwingt dich, anders zu sehen. Plötzlich geht es viel stärker um Licht, Kontrast und Formen. Farben können dich nicht mehr retten. Am Anfang fühlt sich das ungewohnt an. Nach einer Weile merkst du aber, wie sich dein Blick verändert und du mehr Wissen zu dem Thema aufbaust. Genau dadurch wächst dein „Talent“.

Andere Fotografen machen noch extremere Experimente. Eine bekannte Challenge ist zum Beispiel, ein ganzes Jahr lang nur mit einer einzigen Brennweite zu fotografieren. Kein Zoom. Kein Wechsel. Nur ein Objektiv.

Das klingt extrem einschränkend. Und ja, das ist es auch. Aber genau darin liegt die Stärke. Du lernst diese Brennweite in- und auswendig kennen. Du merkst, wann sie perfekt funktioniert und wann nicht. Und weil du sie in allen möglichen Situationen nutzt, selbst wenn sie nicht optimal ist. Dadurch wächst dein Gefühl für Bildaufbau enorm.

Manche wechseln auch einfach das Genre. Jemand, der sonst nur Tiere fotografiert, probiert plötzlich Landschaften. Und lernt dadurch viel besser, wie er nicht nur das Tier sondern auch die Umgebung drumrum einfangen kann.

Oder jemand, der immer digital arbeitet, fotografiert eine Zeit lang auf Film. Andere konzentrieren sich bewusst nur auf Formen. Oder nur auf eine bestimmte Farbe.

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. Wie ich bereits am Anfang gesagt habe ich keine davon besser als die andere.

Aber das Lustige daran: Du wirst fast immer besser, ohne es direkt zu merken. Weil du etwas Neues ausprobierst. Weil du deinen Blick trainierst. Weil du Dinge tust, die sich am Anfang ungewohnt anfühlen.

Das Wichtigste dabei ist nicht die perfekte Idee. Sondern viel eher der Fakt, dass du deine Komfortzone verlässt und dich einer neuen Herausforderung stellst. Weil du dadurch gezwungen bist neue Probleme zu lösen. Das am Ende der Grund ist, warum du vielfältiger in deiner Fotografie wirst.

Und du für andere dadurch so wirkst, als ob du mit viel mehr Talent geboren wurdest, als du am Anfang eigentlich hattest.

 

 
Timo Nausch