Die schlechteste Frage die du einem Fotografen stellen kannst - und wie es besser geht

 

Eine der häufigsten Fragen die ich bekomme, ist leider auch eine der schlechtesten: “Mit welcher Kamera oder welchem Objektiv hast du dieses Foto gemacht?”

Diese Frage ist deshalb so schlecht, weil sie den völlig falschen Fokus hat. Du siehst ein tolles Foto und denkst, mit derselben Ausrüstung kannst du genau dieselben Shots aufnehmen. Dabei ignorierst du den Fotografen hinter der Kamera - mit all seinem Wissen & Fähigkeiten - aber komplett.

Dieser Punkt soll jetzt aber nicht zum Ego-Booster werden, dass ich ein super krasser Fotograf bin der dafür zu wenig gewürdigt wird, weder will ich darauf hinaus noch ist das mein relevanter Punkt.

Mir geht es eher darum dir klar zu machen, dass die Antwort auf die Frage nach der Ausrüstung deine eigene Weiterentwicklung nicht positiv beeinflusst. Sie bringt dir schlichtweg keinen Mehrwert und sorgt im Zweifel dafür, dass du tausende Euro in neue Ausrüstung investierst, aber nicht signifikant besser wirst. Einfach weil du deinen Fokus auf den flaschen Bereich gelegt hast.

Wie geht es also besser? Hier sind Fragen, die du einem Fotografen stellen kannst und die deutlich höheren Mehrwert für dich haben:

 

Diese Fragen solltest du einem Fotografen stattdessen stellen

1. Die einzige Ausrüstungs Frage: “Welche Brennweite wurde verwendet?”

Die Brennweite hat einen riesigen Einfluss auf das Bild. Sie verändert, wie sich ein Foto anfühlt. Mehr als der Markenname auf der Kamera. Ein Foto mit Weitwinkel fühlt sich ganz anders an als eines mit Tele.

Ein Weitwinkel holt viel ins Bild. Der Fotograf ist gleichzeitig näher dran. Du hast das Gefühl, mitten in der Szene zu stehen. Fast so, als wärst du selbst dabei. Das Bild wirkt offen, lebendig und manchmal auch ein bisschen wild. Besonders bei sehr kurzen Brennweiten wie 16 Millimetern kann das extrem sein.

Ein Teleobjektiv macht das Gegenteil. Es hält Abstand. Ein Foto mit 70 oder 85 Millimetern wirkt ruhiger. Du schaust von außen zu. Wie ein Beobachter. Das kann sehr elegant sein. Aber auch distanzierter.

Beides ist nicht besser oder schlechter. Es ist einfach eine andere Stimmung.

Aber 28 oder 35 Millimeter fühlen sich anders an als 85. Der Bildausschnitt verändert sich. Das Motiv steht anders im Raum. Der Hintergrund rückt näher oder weiter weg. Das alles passiert durch die Brennweite.

Deshalb ist diese Frage die einzige relevante Info zur Ausrüstung. Sie sagt dir viel über die Idee hinter dem Bild. Viel mehr als die Info, ob es eine Sony oder Nikon war. Oder ob das Objektiv von Marke A oder B stammt. Das ist nett zu wissen, aber kreativ eher egal.

Mit Erfahrung lernst du das sogar zu sehen. Vielleicht erkennst du nicht genau, ob es 28 oder 35 Millimeter waren. Das geht vielen so. Aber du kannst spüren, ob es eher Weitwinkel oder Tele war. Und das reicht schon.

 

2. Storytelling

Was macht ein gutes Foto aus? Viele denken zuerst an schöne Farben oder gutes Licht. Klar, das ist wichtig. Aber die Fotos, die wirklich im Kopf bleiben, erzählen fast immer eine Geschichte. Manchmal laut. Manchmal ganz leise.

Zeig fünf Menschen dasselbe Foto. Du bekommst fünf verschiedene Deutungen. Jeder bringt sein eigenes Leben mit. Seine Erinnerungen. Seine Stimmung. Die Geschichte entsteht also nicht nur im Bild. Sie entsteht auch im Kopf des Betrachters. Das macht die Sache spannend. Und ein bisschen unberechenbar.

Trotzdem hat der Fotograf Einfluss. Er entscheidet, was im Bild ist. Und was nicht. Er wählt den Moment. Den Abstand. Den Blickwinkel. Damit lenkt er Gefühle. Nicht 100% zuverlässig, aber zumindest mit einer gewissen Intention.

Viele Fotografen machen das aus dem Bauch heraus. Sie sagen dann sowas wie: „Es hat sich einfach richtig angefühlt.“ Das klingt erstmal wenig hilfreich. Ist es aber nicht. Dahinter steckt Erfahrung. Und ein Gespür für Momente.

Deshalb lohnt es sich, nach der Geschichte zu fragen. Warum genau diese Person? Warum dieser Ort? Was ist kurz davor passiert? Oder direkt danach? Manchmal war da Spannung in der Luft. Manchmal ein Blick. Oder eine kleine Bewegung, die alles verändert hat.

Besonders spannend ist die Frage, ob der Fotograf etwas erwartet hat. Ob er gemerkt hat, dass gleich etwas passiert. Dieses Vorausfühlen ist eine ganz wichtige Fähigkeit. Es zeigt, worauf der Fotograf achtet. Was für ihn ein Signal ist. Ein Auslöser.

Das heißt nicht, dass du genauso denken musst. Oder die gleichen Dinge suchen sollst. Aber du bekommst einen Blick in den Kopf des Fotografen. In seine Motivation. In seinen kreativen Prozess.

Und genau das ist Gold wert. Viel wertvoller als jede Diskussion über Kameras. Die Geschichte hinter dem Foto bringt dich weiter. Als Betrachter. Und noch mehr als Fotograf.

 

3. Lichtstimmung & Jahreszeit

Ohne Licht gibt es kein Foto. Genau deshalb ist die Lichtstimmung so wichtig. Sie entscheidet, ob ein Bild warm wirkt. Oder kalt. Ruhig. Oder traurig. Oder einfach nur nass.

Ein Foto im weichen Abendlicht fühlt sich ganz anders an als eins an einem grauen Regentag. Das eine umarmt dich fast. Das andere zieht dir die Kapuze tiefer ins Gesicht. Beides kann stark sein, aber die Wirkung auf den Betrachter ist fundamental anders.

In der Regel sieht man die Lichtstimmung sofort. Nebel, Regen, harte Sonne, weiche Schatten. Das springt einem ins Auge. Die konkrete Frage nach der Lichtstimmung ist daher nicht wirklich nötig.

Trotzdem lohnt es sich zu fragen, wie es dazu kam. Hat der Fotograf genau auf dieses Licht gewartet? Oder war es Zufall? Richtiger Ort, richtige Zeit, Glück gehabt?

Genauso hilfreich zu analysieren ist die Richtung des Lichts. Aus welcher Richtung wird mein Motiv angestrahlt. Das kann viel zur generellen Ästetik und Ausleuchtung der Szene beitragen und ist daher extrem nützlich zu kennen.

Ein Punkt, den viele aber vergessen, ist die Jahreszeit. Klar, Schnee verrät den Winter. Bunte Blätter den Herbst. Aber es ist nicht immer eindeutig oder erkennbar. Und trotzdem macht die Jahreszeit einen riesigen Unterschied.

Die Sonne steht im Winter tiefer. Das Licht ist weicher. Die Schatten sind länger. Selbst mittags wirkt alles ruhiger. Im Sommer ist die Sonne höher. Das Licht ist härter. Kontraste knallen mehr. Schatten sind kürzer. Das Bild fühlt sich direkter an. Fast lauter.

In Städten wird das besonders spannend. Die Sonne steht je nach Jahreszeit an einer anderen Stelle. Manchmal trifft sie nur im Winter genau zwischen zwei Häuser. Oder spiegelt sich für ein paar Wochen perfekt in einem Fenster.

Deshalb ist die Frage nach Licht und Jahreszeit so wertvoll. Man sieht es nicht immer im Bild. Aber es erklärt viel. Über die Stimmung und Atmosphäre.

Übrigens nicht, um das Foto 1:1 zu kopieren. Das ist für manche vielleicht auch eine gute Trainingsaufgabe. Aber vor allem hilft es zu verstehen, mit welchen Bedingungen der Fotograf gearbeitet hat, wenn dir seine Lichtstimmung oder Farben im Foto besonders gut gefallen.

Oder auch andersrum: Es erklärt in manchen Fällen, warum deine Fotos so anders aussehen als bei manchen deiner Vorbilder. Allein weil der eine im Winter zur Mittagszeit unterwegs war und du wegen den langen Schatten denkst das Foto ist zum Sonnenuntergang aufgenommen worden und dann zu dieser Zeit im Sommer los ziehst.

Wenn du also ein Bild siehst, das dich nicht loslässt, frag nach dem Licht. Und nach der Jahreszeit. Die Antwort erzählt dir ebenfalls mehr, als das Wissen zur genutzen Ausrüstung.

 

4. Technische Einstellungen für kreative Effekte

Ganz ehrlich: Ob ein Foto mit 1/500 oder 1/1000 Sekunde gemacht wurde, ist in den meisten Fällen ziemlich egal. Das Bild wird dadurch nicht plötzlich magisch besser. Und Blende acht oder elf? Auch eher minimale Unterschiede.

Das Problem ist, dass viele diese Zahlen einfach kopieren wollen. Du siehst ein starkes Foto, liest die Einstellungen und denkst: Aha, genau das brauche ich auch. Also stellst du alles genauso ein und wunderst dich, warum dein Bild komplett anders aussieht.

Der Grund ist simpel. Der andere Fotograf hatte vielleicht knallhartes Sonnenlicht. Du stehst im Schatten. Er konnte sich eine kurze Verschlusszeit leisten. Du eigentlich nicht. Aber weil du stur die gleichen Werte nutzt, musst du mit ISO ausgleichen und zack – Bildrauschen lässt grüßen. Nicht cool.

Technische Einstellungen sind extrem abhängig von der Situation. Licht, Bewegung, Abstand, sogar das Wetter spielen mit rein.

Deshalb ist es viel wichtiger, das Grundprinzip zu verstehen, statt Zahlen auswendig zu lernen. Wenn du weißt, wie das Belichtungsdreieck funktioniert, kannst du selbst entscheiden, was du brauchst, um ein scharfes und sauberes Foto zu machen. Blind kopieren ist da eher eine Stolperfalle als eine Abkürzung.

Spannend wird es aber bei kreativen Effekten. Da machen technische Fragen plötzlich richtig Sinn.

Nehmen wir einen Mitzieher, also ein Foto, bei dem das Motiv scharf ist, aber der Hintergrund in eine Richtung verwischt. Es fühlt sich an, als wäre Bewegung im Bild, fast wie Geschwindigkeit. Wenn du so etwas siehst und keine Ahnung hast, wie das geht, dann ist Nachfragen Gold wert.

Hier spielen Einstellungen nämlich eine echte Rolle. Du brauchst eine längere Verschlusszeit, eine halbe Sekunde oder sogar mehr. Die Blende wird meist etwas geschlossener gewählt, damit nicht alles komplett überbelichtet und du mehr Spielraum mit dem Schärfebereich hast.

Aber das allein reicht nicht. Der wichtigste Teil ist die Bewegung. Dein Motiv muss sich von A nach B bewegen und du musst deine Kamera während der Belichtung mitziehen. Genau dann bleibt das Motiv halbwegs scharf, während der Hintergrund verschwimmt.

Das fühlt sich am Anfang komisch an und klappt selten beim ersten Versuch. Aber wenn es funktioniert, sieht das Ergebnis meist richtig cool aus.

Deshalb will ich aber nochmal betonen: Die reine Zahl auf dem Display erklärt nicht alles. Viel wichtiger ist die Technik dahinter. Was hat der Fotograf gemacht? Wie hat er sich bewegt? Wann hat er ausgelöst? Diese Fragen bringen dich weiter als jede Liste mit Einstellungen. Bei kreativen Effekten willst du verstehen, warum etwas funktioniert, nicht nur womit.

Deshalb ist meine Empfehlung klar: Frag Fotografen nicht einfach nach ihren Einstellungen. Frag sie, wie sie einen Effekt erreicht haben. Lass dir den Ablauf erklären, nicht nur die Zahlen.

Technik ist kein Rezept zum Nachkochen, sondern ein Werkzeug. Und je besser du verstehst, wie man es benutzt, desto freier wirst du beim Fotografieren.

 

 
Timo Nausch